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Hosen runter


Mittwoch 14.07. — Dienstag 20.07.

Endlich wieder los auf die Piste und den Auftakt zum zweiten Teil unserer Expedition feiern.

Die letzte Nacht in Karakol (quasi in Zivilisation) für lange Zeit in einem richtigen Bett war wie es russisch heißt „otschin“ angenehm. Sergej‘s „Porno-Stübchen“ bot den nötigen postsowjetischen Rahmen und Komfort und wir sagen auf Wiedersehen wahrscheinlich im September.


Pünktlich 07.00 Uhr stand unser Fahrer vor dem Tor und unsere Freude war groß als wir den UAZ „Buchanka“ (den geländegängigen „Brotkasten“) vor der Tür stehen sahen. Wir wussten es wird eine holprige Fahrt… Aus Karakol hinaus noch Straßen wurde es zunehmend grüner und erste Wälder tauchten auf — eine Wohltat für unsere Geröll gewöhnten Augen. Erstes Hallo der Fahrt war der unbefestigte Con-Pass bis hinauf auf 3.820 m (mit etwas Schnee). Spätestens hier wurde klar warum unser Gefährt ein besonderes war, aber auch der Fahrer große Weltklasse, denn er kannte gefühlt jedes Schlagloch blind.

Nach zwei Militärstützpunkten und Kontrolle unserer Pässe sowie Genehmigungen ging es weiter Richtung Chinesisch-Kasachischer Grenze bis wir hinter der Geisterstadt Enylchek nach nochmals extrem holprigen Kilometern kurz hinter At-Jailoo (drei Häuser und zwei Jurten) vor mehreren reißenden Bächen im Kiesbett abgesetzt wurden. Von hier an trennten uns ca. 60 km wildes Tal entlang des drittgrößten außerpolaren Gletschers der Erde bis zum Basecamp von Khan Tengri und Pik Pobeda auf 4.100 m. Nach kurzer Mittagspause wollten wir versuchen die Bäche doch noch zu überwinden (am Nachmittag führen diese deutlich mehr Wasser), um nicht bis zum kommenden Morgen warten zu müssen. Nach etwas probieren wird schnell klar, dass wir hier nicht mehr mit Springen oder Hosenhochkrempeln weiterkommen. Also untenrum ausziehen und bloß nicht wegrutschen! Das Wasser ist (Entschuldigung) saukalt und geht zwischenzeitlich den kleinergewachsenen im Team bis zum Schritt — Zipfel nass — Pech gehabt. Man muss sich sehr konzentrieren nicht auf das reißende braune Wasser zu schauen, da einem sonst das Gleichgewicht ein Schnippchen schlägt und man zu Schwindeln beginnt.

Also Blick zum Ufer und sauber stehen, dann einen Schritt nach dem anderen. Drei größere Ströme gilt es unmittelbar hintereinander zu überqueren dann dürfen Füße und Beine in der Nachmittagssonne wieder auftauen. Anziehen und weiter ein bisschen wollen wir noch. Der zweite Spaß lässt nicht lange auf sich warten. Es gilt ein Wäldchen am Hang zu queren, jedoch verliert sich schnell der kleine Pfad und neben Klettereinlagen an steilen Hangpassagen warten auch unzählige Dornensträucher auf uns — wenn das so weitergeht… und das tut es :)


Zudem klagt Philipp zunehmend über Schmerzen in der Hüfte, was vielleicht an der E-Gitarre (das dritte hier in Kirgisistan erworbene Zupfinstrument und noch immer hat er uns noch nichts vorgespielt — wir warten noch) liegt, die hinten schief am Rucksack hängt?

Am Abend finden wir auf einer unspektakulären Wiese eine Feuerstelle und schlagen die Zelte auf. Feuerholz ist am letzten Waldrand schnell gesammelt und ein wenig später lodert es schon neben dem spartanischem Abendessen. Leider währt unsere Freunde nicht lange, da ein heftiges Gewitter uns in die Zelte treibt.


Nach einem zeitigen Start sind wir nach wenigen Kilometern im ersten Camp (IVA-Camp) und finden liegengelassene Äpfel, Möhren und Paprika, lecker etwas frisches! Wir sind also nicht allein im Tal… es scheinen noch Leute ein bis zwei Tage (Bestimmung erfolgte anhand Zustand der Lebensmittel) vor uns zu sein. Philipp hat große Schmerzen und bleibt immer wieder zurück. Die Gruppe zieht sich auseinander. Nele und Elias entscheiden sich bis zur Merzbacher-Wiese (24 km, ausgegebenes Tagesziel) durchzuziehen. Milan und Matthias warten auf Philipp, da diese sich zu dritt auf dem Trek das Zelt teilen.

Der Weg ist anstrengend und es ist alles dabei: schön, beschissen zu gehen, Geröll, vereinzelt Markierungen, dann wieder gar keine, Fußspuren, endloses hoch runter, Weg, kein Weg… An diesem Abend gibt es für die Gruppe leider kein Wiedersehen. Dafür treffen Elias und Nele im Camp auf zwei geführte Trekkinggruppen samt einer Horde von jungen Trägern, welche das gleiche Ziel wie wir haben. Das vertrackte ist, dass am 17.07. unser Gepäck mit dem Helikopter im BC ankommen soll und es sicher gut wäre wenn jemand von uns vor Ort sein könnte (so der Plan).

Nele und Elias warten am nächsten Morgen auf die Nachzügler und vereinbaren vorauszugehen. Doch durch den späten Start und die ungünstige Lage der Campmöglichkeiten im weiteren Talverlauf kann an diesem Tag nicht mehr viel gerissen werden. Im nächsten Camp Treffen Nele und Elias dann neben sehr viel Müll, der einfach liegen gelassen bzw. in Gletscherspalten entsorgt wird, wieder auf die Trekker.

Am Samstag wollten Nele und Elias eigentlich im BC ankommen, um das Gepäck in Empfang zu nehmen. Doch daraus wurde nichts. Für die beiden folgte ein nervlich strapaziöser Tag. Am Vormittag wurde Zeit verloren, da auf der falschen Seite eines Gletscherstromes gegangen wurde — klassischer „Verhauer“ (eine abfotografierte Karte im M 1:100.000 hilft da auch nur bedingt) und am Nachmittag wurde die richtige Stelle der Gletscherüberquerung auf Höhe des „Dikji-Gletschers“ verpasst (Stichwort: Mann sei schlau hör auf deine Frau…). Schon auf dem Rückweg begriffen fanden dann die beiden eher durch Zufall doch noch den richtigen Durchschlupf und stellten das Zelt nach kurzem Plattformbau kurzerhand auf der Mittelmoräne auf, dazu wieder anständig Regen. Was für ein Tag! Besser machte es auf diesem Abschnitt Team 2, denen die Wegfindung wesentlich besser gelang (6 Augen sehen wahrscheinlich mehr als 4 ;)

Der letzte Tag Trekking war quasi auslaufen auf der Zielgerade auf extrem hügeligen Moränen-Schotter ohne jeglichen Weg oder Pfad, aber egal. Die stetig anwachsende Menge von Müll signalisierte die Nähe des Basislagers und auch Wrackteile eines Helikopters waren zu finden. Nach zwei Stunden Weg waren Nele und Elias endlich da (nach dem mentalen Zustand bzw. dem der Füße fragen wir an dieser Stelle besser nicht nach, es verwundert allerdings wenig warum sich 99% der hier befindlichen Leute mit dem Helikopter einfliegen lassen) und fragten sich zum BC-Chef durch. Nach etwas hin und her, den einen oder anderen Verständigungsproblemen fanden wir unser gesamtes Gepäck auf dem „Helikopterlandeplatz“ (Steine auf Gletscher, Markierung mittels roter Fähnchen und Sprühdose) bunt gewürfelt aber auf einem Haufen liegend, alles da und auch alles heil geblieben, der reine Wahnsinn! Unheimliche Erleichterung machte sich Breit. Schnell war ein guter Platz hinter dem kommerziellen BC gefunden (wir gehören zu den „independent mountaineers“, die selbstorganisiert am Berg unterwegs sind, ein bisschen wie Aussätzige). Mit Hilfe zweier iranischer Bergfreunde (ebenfalls „Aussätzige“) schaffen wir das gesamte Gepäck zu unserem Platz. Mittags kommen auch Milan, Philipp und Matthias im BC an und es gibt ein großes Hallo. Plattformen aus flachen Steinen werden für die Zelte als Untergrund auf dem Gletscher-Schotter gebaut und am Tag darauf steht am Abend auch das neue Gruppenzelt (das alte hat den Pik Lenin nur schwer lädiert überstanden) samt von Milan und Matthias verlegten Fliesenboden. Philipp und Elias waren im Umfeld des BC ausreichend altes Holz und Möbelreste räubern (es liegt ja genug Müll herum (!!!), sogar ein ganzes Helikopter-Wrack). Somit konnte das von Nele köstlich zubereitete Abendessen an der neuen Tafel samt Sitzbänken eingenommen werden, einfach geil wieder in „großer“ Runde an einem Tisch zu sitzen. An dieser Stelle sei nochmal ein Hoch auf Victorinox und Letherman ausgesprochen ;)

Unsere Nachbarn und auch die Einwohner des kommerziellen BC schauten mit etwas Abstand neugierig und verwundert ob des Sägens und Hämmerns bis in den späten Abend hinein. Spätestens als Philipp heute sein kleines Kinder-Planschbecken exponiert auf „seinem“ Hügel aufgebaute hatten wir auch unsere Zelt-Nachbarn aus St. Petersburg auf unserer Seite :)

Nach zwei „Ruhetagen“ switchen Milan, Matthias und Elias jetzt wieder zurück auf den Bergmodus. Heute wurden die Rucksäcke für einen Vorstoß zum Khan Tengri gepackt und je nach Wetter wollen die drei morgen zumindest mal ins ABC, wenn nicht sogar noch höher zum nächsten Berg unserer Trilogie aufbrechen.


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