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Gipfelerfolg


Mittwoch 28.07. — Mittwoch 04.08.

So, da melden wir uns das erste Mal im August bei euch und haben viel zu berichten. Auch wenn das ganze mit zwei Ruhetagen beginnt steigert es sich ganz ordentlich. Es kann sein, dass es hier ein bisschen länger wird – Achtung an manchen Stellen wenn es spannend wird nicht zu lange die Luft anhalten... Aber kurzer Spoiler wir sind alle wieder sicher im BC und uns geht es soweit gut! Das hört sich jetzt vielleicht etwas dramatisch an, aber keine Sorge!

Also von vorn: Ruhetage kann man hier nutzen in dem rumhängt und Karten spielt oder sonst was macht. Wir haben sie unter anderem genutzt um unser BC herrschaftlich auszubauen. Uns soll es hier ja an nichts fehlen. Da Elias Sorge hat an drei Siebentausendern oberarmtechnisch total zu verkümmern und im Herbst am Elbsandstein zu versagen (sic!) muss eine Klimmzugstange her. Doch da stellt sich die Frage wie kommt man auf über 4.000 m an eine Klimmzugstange.

Naja, wer suchet der findet. Was man alles findet ist wirklich erschreckend. Schon den Weg hierher sind wir vor dem BC über Müll gegangen. Direkt neben unserem Basislager hier findet man einen abgestürzten Helikopter und eine Halde halbverbrannter Abfälle. Es ist ekelhaft was man hier alles herumliegt. Und noch erschreckender ist die Geisteshaltung: der Müll wird einfach in die nächste Spalte geworfen. „Na der Gletscher bewegt sich und verschlingt mit der Zeit den ganzen Müll in den Spalten. Dieser wird auf dem Weg durch das Eis fein gemahlen und was irgendwann unten ankommt sieht man ja nicht mehr!“

...genau so haben wir auch geguckt...

Doch grade können wir leider nichts machen außer unseren eigenen Müll zu sammeln und ihn im September mit zurück zu nehmen. Neben dem ganzen Müll findet man aber auch Dinge die noch recycelbar sind wie Bretter, Eimer, Nägel, Kochzubehör... und wenn man dann noch kreativ ist, sucht man sich halt seine Sachen zusammen und baut sich eine Klimmzugstange die exponiert neben dem Pool aufgebaut wird. Die Konstruktion ist die mächtigste auf dem ganzen Eis und gerechterweise wieder zum Hingucker des restlichen Camps. Jetzt haben wir also eine Wäscheleine, eine Klimmzugstange (die auch Gäste anzieht), Bänke, einen Tisch.. und an Ruhetagen werden noch ein paar Dinge folgen solange wir fündig werden.

Soviel zu den Ruhetagen.

Jetzt gehts wieder um die Berge, der eigentliche Grund warum wir hier sind! „Angriff“ Khan Tengri. Um das nochmal zu erläutern, da sich der ein oder andere bestimmt die Frage stellt „warum laufen die da denn so oft hoch und wieder runter?“.

Unser Ziel ist es möglichst alles alleine und ohne Unterstützung zu machen, soweit uns das möglich ist. Schön wäre es gewesen, hätten wir auf den Gepäcktransport per Helikopter verzichten können, aber für die lange Zeit die wir hier sind wäre es doch eine Ecke zu viel alles, wie am Pik Lenin hier hoch zu tragen. Aber selber gelaufen sind wir ja. Spätestens ab dem BC machen wir alles aus eigener Kraft. Für die Besteigung eines solch hohen Berges braucht man einiges an Ausrüstung und was jeder kennt, es ist schöner und einfacher mit einem kleineren und leichteren Rucksack zu laufen. Also werden die Rucksäcke gepackt für die erste Etappe, in unserem Fall vom BC ins ABC. Dort stellt man ein Zelt auf und kann eine Nacht drin schlafen. Das ABC ist unbedeutend höher auf 4.300 m. Der Akklimatisierung wegen steigen wir deshalb am nächsten Tag weiter auf, bauen weiter oben das zweite Zelt auf oder beziehen eine Schneehöhle, schlafen dort eine Nacht, deponieren Essen und Schlafsäcke und steigen am nächsten Tag wieder ab. Erholung in „niedrigeren“ Höhen fällt dem Körper deutlich leichter. Dann auf das nächste Wetterfenster warten, die Rucksäcke packen mit Material, welches für den weiteren Aufstieg benötigt wird und wieder geht es los vom BC ins ABC, dort eine Nacht schlafen, weiter aufsteigen bis dort wo unser anders Zelt steht und wir Sachen deponiert haben. Etwa dort wird es spannend, ist der Gipfel drin oder nicht? Je nachdem wie hoch der Berg ist gibt es unterschiedlich viele Camps die aufgebaut werden, wo deponiert wird, wieder abgestiegen und man sich weiter hoch arbeitet bis man dann vielleicht den Gipfel erreicht, aber das Prinzip bleibt gleich.

Wie gesagt, wir machen das alles selber und nutzen keine zusätzlichen Träger die einem das Gepäck tragen um uns selber die schweren Rucksack zu ersparen – freilich ist das aufwändiger, gefällt uns aber besser.

Also zurück zu uns und dem Khan Tengri. Wir haben das ABC ja bereits aufgebaut und auch das nächste Camp, wir können also einen Gipfelversuch starten. Am Freitag geht es los vom BC ins ABC.

Den Weg kennen wir ja mittlerweile, der muss einfach über den aperen Gletscher gelaufen werden. Dort schlafen wir eine Nacht und wieder geht es um 03.00 Uhr los Richtung Sattellager auf 5.800 m. So früh, um die Lawinengefahr und Eisschlag gering zu halten, die ist zwischen 9 und 14 Uhr am höchsten. Wir laufen los, sind gut unterwegs in einem konstanten Tempo. Es sind noch andere Seilschaften mit uns im Aufstieg, kurz vor dem Eisbruch haben wir je eine Seilschaft Russen vor und eine polnische hinter uns. Es ist schon relativ hell, da knackt und donnert es rechts oben weit über uns im Hang. Schockstarre bei allen und erkennen wo das her kommt. Ein gewaltiges Stück einer Seracformation aus massivem Eis bricht aus und stürzt in den schneebedeckten Steilhang. Das hat die Auslösung einer Lawine zur Folge, die sich nun unter großem Getöse talwärts direkt auf uns zu bewegt. Schnell reagieren alle unter lauten Rufen als klar wird die Situation ist ernst. Mit der vorderen Seilschaft rennen wir den Berg mit unseren Steigeisen schnellstmöglich hoch (rennen quasi um unser Leben), stürzen uns in die Deckung eines Eisblocks auf den Boden. Die Seilschaft hinter uns entscheidet sich bergab zu rennen. Dann donnert es nur noch und alles wird weiß um uns herum. Zu unserem Glück hatte die Lawine noch nicht genug Kraft, so stehen wir nur einige Sekunden in dieser Schneewolke und unter dem Beschuss von Eisbrocken. Dann erkennt man wieder die anderen um einen herum, allen geht es gut. Große Erleichterung, denn ein paar dickere Eisbrocken liegen genau dort wo wir eben noch standen, riesen Glück gehabt!. Als wir dann die Seilschaft sehen, welche nach unten gelaufen ist, wussten wir dass niemandem etwas passiert ist und es hieß nichts wie weg hier. Weiter aufsteigen aus der Gefahrenzone raus. Gesprochen wird nicht, aber jeder macht sich so seine Gedanken zu dem Vorfall.

Irgendwann erreichen wir Lager zwei wo Matthias im ersten Anlauf eine Nacht geschlafen hatte, das Zelt bauen wir ab und steigen weiter auf ins Sattellager auf 5.800 m, wo wir das Zelt aufbauen.

Der letzte Aufschwung ist ganz schön kräftezehrend und warm. Glücklich, dass uns nichts passiert ist kommen wir an. Essen, Ausruhen und eine Weckzeiten vereinbaren um einen Gipfelangriff zu starten.

Startzeit am nächsten Morgen ist 05:00 Uhr.

Also Licht aus in dem wirklich engen (zu dritt) Zelt. Um 04.00 Uhr am Montag morgen klingelt der Wecker. Doch Aufstehen ist irgendwie nicht... Der Wecker wird um eine Stunde nach hinten gestellt. Startzeit also 06.00 Uhr. Der Wecker klingelt erneut, doch Matthias fühlt sich nicht gut, denn er hat wieder sehr mit der Höhe und seinem Körper zu kämpfen. Er entscheidet sich nicht mit zum Gipfel aufzubrechen und im Camp 3 auf uns zu warten. Für Elias und Milan beginnt jetzt ein langer Tag. Es ist schon hell, der erste Aufschwung hoch auf den Sattel ist schnell gemacht. Von hier aus hat man eine geniale Aussicht nach Norden und kann die Nordroute einsehen.

Stetig geht es bergauf. Immer mit den Blick entlang der Fixseile (gute Orientierung), die zur Unterstützung am Berg angebracht sind. Die werden zwar immer wieder erneuert, doch die alten auch nicht immer entfernt. So steht man regelmäßig vor der Entscheidung, welches jetzt das beste, neueste oder sicherste ist. Das heißt ein Seil welches nicht aufgeschürft oder zusammengeknotet ist. Die Aussicht wird derweilen immer fantastischer.

Leichte Wolken, aber man kann sehr schön und weit schauen.

Wir haben eigentlich damit gerechnet, dass es kälter wird und wir mit Schneeschauern zu rechnen haben, deswegen haben wir die volle Montur an dicker Daunenbekleidung dabei. Aber die Temperaturen bleiben unerwartet mild und mit langer Unterwäsche und einem Fleece oder dünner Daunenjacke kommt man in Bewegung recht gut aus.

Wir steigen weiter auf, die Luft wird merklich dünner, das Atmen schwerer bzw. schneller, aber die Aussicht auch immer besser. Bis jetzt sind wir zeitlich eigentlich ganz gut dabei. Kurz vor Mittag überholen wir zwei Russen, die zwei Stunden vor uns gestartet sind. Die entscheiden sich aber umzukehren, da sie nicht im Dunkeln absteigen wollen. Wir steigen weiter auf. Kurz unter dem Colouir ein Anblick den man erwarten muss, der trotzdem erschreckt und nachdenklich macht. Ein gerissenes Fixseil ca. 50 m neben der Route und am Ende ein Haufen Textil, einen Helm, Schuhe... Handschuhe... Bei genauerem Hinsehen stellen wir mit bedauern fest, das ist die Leiche eines abgestürzten Bergsteigers. Wir gehen ein Stück weiter und machen eine Pause.

Vor uns jetzt drei russische Bergsteiger die grade ins Colouir einsteigen. Sie haben gut mit der Höhe zu kämpfen, also warten wir. Irgendwann gehen wir dann aber doch los und versuchen ihnen verstehen zu geben, dass wir gerne überholen möchten. Da die Zeit voranschreitet, wir mittlerweile 14:30 Uhr haben und wir uns so langsam Gedanken machen müssen wann wir zurückkehren, versuchen wir zu überholen, an einer Stelle an der es uns möglich erscheint. Elias schafft es dann relativ zügig, bei Milan dauert es ein bisschen bis er den richtigen Moment abpassen kann. Oben über dem Colouir ist dann das Schlimmste geschafft und es geht auf den Gipfelgrat. Ab hier heißt es nicht mehr so viel Klettern, ab hier ist es „nur noch“ Schneegestapfe. Doch selbst das ist in einer Höhe von ca. 6.900 m sehr kräftezehrend. Viele kleine Pausen aber Adrenalin und Euphorie steigen.


Die letzten Meter vor dem Gipfel, dann soll uns ein Traum in Erfüllung gehen! Meter um Meter geht es weiter nach oben und dann... taucht das kleine Gipfelkreuz am Tripod auf. Aus Holz, circa einen Meter hoch und einige Meter unterhalb der Bergspitze, aber von großen symbolischen Wert.

Wir haben es geschafft! Jetzt ist die Frage: „Kann Tengri“? geklärt. Ja „Tengri kann“! (Expeditionteile lehnten diesen Wortwitz ab :)

Ein geiles Gefühl hier oben zu stehen! Zwar haben wir keinen komplett blauen Himmel mehr, es wird leicht nebelig und wir sind über den Wolken. Wir machen kurz Pause, schießen Gipfelfotos und genießen den Erfolg. Dann heißt es nichts wie runter. Wir haben mittlerweile 17:00 Uhr. An den Fixseilen kann man gut abseilen.

Die russische Seilschaft hat den Aufstieg kurz unter dem Gipfel abgebrochen und ist auch auf dem Weg nach unten. Wir haben wieder das Problem, dass sie uns nicht vorbei lassen wollen. Das hält uns wieder auf... Es wird immer später, das Wetter nicht besser, leichte Schneeschauer und Tageslicht haben wir auch nicht mehr ewig. Verschärfend kommt hinzu, wir haben nur eine Stirnlampe dabei (Elias musste wieder Gewicht sparen!). Wir bitten die Seilschaft also freundlich aber bestimmt uns vorbei zu lassen an der nächstmöglichen Stelle. Das wird aber abgelehnt... der sonst besonnene Milan findet deutlichere Worte und so werden wir dann doch vorbei gelassen. Bei zunehmendem Schneefall und abnehmendem Licht beeilen wir uns jeden Meter Richtung Camp gut zu machen, doch der Weg ist noch sehr weit (insgesamt fast 1.000 hm abseilen...). Als das Tageslicht dann weg ist, nutzen wir Milans Stirnlampe um uns mit den Abseilachtern immer beide gleichzeitig ins Seil einzubinden, dann seilt Milan ab bis zum nächsten Fixpunkt und leuchtet Elias den Weg während er aufschließt. So geht es eine ganze Weile bis der Grat endlich beginnt auszulaufen und auch wenn man das Camp noch nicht sieht, es muss da irgendwo sein. Der Schneefall hat mittlerweile gut zugenommen, noch erkennt man aber die Spuren im Schnee und die Orientierung auf dem Sattel ist nicht besonders schwer. Eine letzte Abseilstelle über die Sattelwechte und das Camp 3 ist wieder erreicht. Mittlerweile haben wir 22:00 Uhr und ein 16 Stunden Klettertag geht zu Ende. Müde und erschöpft fallen wir zu Matthias ins Zelt, der uns vorausschauend eine heiße Brühe bereitet hat. Die Nacht schlafen wir nur teilweise gut weil es wirklich sehr eng ist im Zelt, aber die Ruhe tut gut. Am nächsten Morgen dann zeitig um 05:00 Uhr aufstehen, Zelt zusammenpacken und Abstieg, zuerst ins ABC, welches wir noch abbauen und unser Depot auflösen und dann weiter zurück ins BC. Am frühen Nachmittag sind dann endlich alle im BC eingetrudelt. Und es gibt Mittagessen! Elias hat noch leichten Höhenhusten, genauso wie Milan, bei dem hält das Ganze aber leider immer noch an. Er ist schlapp, hat Husten und ist fertig. Matthias ist auch vollkommen platt und kommt anderthalb Tage nicht aus dem Zelt, ist schlecht und hat alles mögliche. Heute ist etwas Besserung zu sehen, aber etwas Erholung muss noch sein. Elias hat sich erholt und will morgen mit Nele schon einmal losziehen um den Weg ins ABC vom Pik Pobeda, unserem nächsten Ziel zu erkunden und die ersten Sachen deponieren. Dann schauen wir wie es weiter geht und werden berichten. Das Wetter scheint am Wochenende erstmal mitzuspielen, also geht es weiter...